Die leise Art und Weise, Mensch zu bleiben
Empathie abzuschaffen – was für eine absurde Idee. Und doch sind wir genau da: Wir rutschen in eine Welt, in der Härte mit Effizienz verwechselt wird, in der Mitgefühl als Schwäche gilt, in der „Survival of the Fittest“ nicht nur eine biologische Theorie ist, sondern eine gesellschaftliche Haltung. Weil wir es so gelernt haben, weil es irgendwie amerikanisch klingt, weil Erfolg das neue Heilige ist. Aber Moment mal.
Sich zu dem Schwachen hinunterzubeugen – was für eine starke, eine wirklich große Geste. Es ist ja nicht mal ein Akt der Mildtätigkeit oder des Mitleids, es ist die schlichte Anerkennung dessen, was Menschlichkeit ausmacht. Wer denkt, das Schwache müsse ausgemerzt werden, dass nur die Starken zählen, dass Wohlstand, Reichtum und Lebensqualität das einzig Wahre seien – der hat Jesus von Nazareth nicht verstanden. Der hat überhaupt nichts verstanden.
Denn genau hier liegt das Drama: Wir gewöhnen uns das ab. Das Hinschauen, das Mitfühlen, das Sich-Berühren-Lassen. Weil es einfacher ist, nicht hinzusehen. Andere leiden zu sehen und selbst nicht zu leiden – was für eine clevere, was für eine kalte Strategie. Aber wenn wir das verinnerlichen, wenn wir das als Normalität akzeptieren, dann sind wir irgendwann keine Menschen mehr, sondern nur noch funktionierende Wesen, optimiert für Effizienz, abgestumpft für das, was wirklich zählt. Und dann?
Jetzt kommt der große Moment, in dem alle fragen: „Ja, und was kann man tun?“ Als gäbe es einen Masterplan, als wäre Empathie etwas, das man mit fünf einfachen Tricks wiederherstellen könnte. Die Wahrheit ist: Es geht klein. Es geht im Alltag. Immer wieder. Erinnern. Hinweisen. Mut machen. Ohne dabei seltsam zu wirken, ohne wie der schräge Gutmensch aufzutreten, den keiner ernst nimmt. Wer laut aufsteht, braucht den Mut einer Katze, die sich einem Rottweiler entgegenstellt. Wer leise und sachlich bleibt, wer sagt, was er denkt, wer danach auch handelt – der hinterlässt Spuren.
Und hier kommt der nächste Punkt, der fast noch größer ist: Wir müssen wieder lernen, Meinungen nebeneinander stehen zu lassen. Sie auszuhalten. Nicht alles als persönlichen Angriff zu werten. Und ja, auch mal eine Meinung zu loben, die uns eigentlich gegen den Strich geht – nicht, weil wir sie plötzlich gut finden, sondern weil wir anerkennen, dass es die Meinung eines Menschen ist. Und dieser Mensch wird sich beim nächsten Mal doppelt überlegen, welche Meinung er hochloben lassen will. Klingt banal? Ist es. Funktioniert.
Respekt auf Augenhöhe – das wäre ein großer Schritt raus aus dieser Schockstarre, die uns alle irgendwie erfasst hat. Die Angst vor den falschen Worten, vor der falschen Haltung, vor der falschen Reaktion. Am Ende, das ist der Witz, werden sich viele dieser dunklen Dämonen als hässliche kleine Plastikfiguren entpuppen, die wir dann – mit unserer neu gewonnenen Empathie, mit unserer klaren Definition von richtig und falsch – mit einem müden Lächeln beiseitelegen können.
Hoffentlich.
Und hoffentlich nicht zu spät







