Essay zu “Der Freischütz” in Hannover 2015/2016

///Essay zu “Der Freischütz” in Hannover 2015/2016

Essay zu “Der Freischütz” in Hannover 2015/2016

Zukunftsvision für die Oper – Inszenierung von “Der Freischütz” in der Staatsoper Hannover

Buhrufe in der Premiere (das beste Kompliment) und endlich ein Ausblick auf die kommenden Jahrzehnte

 

Wie würde sie klingen, die deutsche „Nationaloper“? In welcher Form könnte sie uns Identität stiften, wo wir uns als Deutsche doch mit einer gelungenen Staats-Identität seit Jahrhunderten so schwertun. Und was müsste darin an Handlung passieren?

Auf einer überdimensionalen halb durchsichtigen Leinwand wird der anfangs zwar hässliche aber neutrale Samiel gezeigt, der sich durch die Ahnengalerie und an Portraits von deutschen Denkern und Politikern vorbei schleicht und alles sehr interessiert beobachtet. Der Schluss, den er aus allem zieht, was er in der deutschen Geschichte findet, scheint ihn mit einer ziemlich problematischen Charaktereigenschaft zu versehen. Man könnte auch sagen: Er entdeckt für sich das Böse.

 

Als Zuschauer ist es verstörend und erhellend zugleich, dass die Idee einer deutschen Nationaloper, die Carl Maria von Weber unter ganz anderen Vorzeichen im Sinn hatte, zu so einem Ergebnis wie in der Hannoveraner Inszenierung von „Der Freischütz“ führt. Was Deutschland aus seiner wechselhaften Geschichte wie selbstverständlich hervorbringt, ist vor allem Überheblichkeit und Grausamkeit.

 

Die unglaubliche optische Überflutung an Reizen mit mehreren Ebenen, die hintereinander auf Videoleinwänden und mit live gefilmten handelnden Personen stattfindet, lenkt zwar von der Musik ab und degradiert das Orchester bei der aus aktueller Sicht etwas bieder und schwach anmutenden Musik von Carl Maria von Weber zu einer Art Filmmusikorchester. Dennoch trägt diese Operninszenierung alles in sich, was diese Zeit ausmacht und ist darum wegweisend. Man sollte nicht den Fehler machen, zu glauben, dass so eine „Skandalinszenierung“ ohne schöne alte Kostüme und ohne ganz viele Bäume auf der Bühne nur auf Skandal aus ist.

Das Zusammenspiel zwischen Video, Schauspiel, einer Art ungewöhnlichem Entertainment (Samiel geht ins Publikum und spricht auch häufiger in die Inszenierung hinein) steckt noch in den Kinderschuhen. Alles wird zwar technisch schon beeindruckend umgesetzt, kann aber die Zukunft der Oper auf ganz neue Füße stellen. Wer hat festgelegt, dass nur das Kino mit seinen großen beeindruckenden Bildern uns in dieser Form in den Bann ziehen kann? Was die Oper doch in Wahrheit will, ist Kunst machen und Grenzen im Kopf verschieben. Sie will eher nicht alte reiche Menschen in der Pause zum Sekt zusammenbringen. „Der Freischütz“ in der Hannoveraner Staatsoper ist jedenfalls die beeindruckendste Operninszenierung, die ich bis jetzt in meinem Leben gesehen habe.

Das Publikum bleibt wie immer heterogenen und das ist freundlich formuliert. Neben und hinter mir schliefen mehrere Leute tief und fest. Faszinierende Reaktion auf einen „Freischütz“, in dem die AfD marschiert, relativ unspektakulär das Geschlechtsorgan von Max als ungewollte deutsche Potenzmaschinerie abgeschnitten wird und zuerst von Samiel das Mittelmeer rot gemalt wird – das Blut der sterbenden Flüchtlinge. Dann entdeckt er leider die braune Farbe. Europa verschwindet am Ende ganz unter Mal-Orgie des Bösen und übrig bleibt eine braune Leinwand.

 

Wir haben es selbst in der Hand, welche Identität wir uns geben wollen. Die Protagonisten einer deutschen Identität in der Hannoveraner Inszenierung jedoch bestehen aus Arbeitslosen, Prostituierten und weiteren extremen Gruppen, die auf die Straße gegen etwas Diffuses gehen. Ihre Triebkraft ist deutscher Hass und wir normal sozialisierten, schweigenden, arbeitenden, unauffälligen Menschen können Ihnen entgegentreten. Denn es gibt sie, unsere gute Identität mit Mut, Klarheit und Menschlichkeit.

 

 

Til von Dombois im Februar 2016

2016-02-14T12:03:15+01:00Februar 14th, 2016|Essays and Poems|0 Comments

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