Sie ist die eine Hälfte der S!sters, die überraschend den Einzug in den European Song Contest ESC 2019 geschafft haben. Til von Dombois hat als Vocal Coach lange mit Carlotta Truman gearbeitet und kennt sie auch als Produzent. Hier schreibt er über Carlotta als Mensch, als Star und die Zukunft. 

 

 

Modernes Märchen trifft auf It-Faktor

Eigentlich wollte ich nur etwas über eine Künstlerin schreiben, die ich vor einigen Jahren kennen gelernt habe und die ich für einen der begabtesten Newcomer in Deutschland halte. 

Carlotta Truman vom Duo S!sters besitzt all das, was ein Star benötigt. Sie hat den It-Faktor, sie ist eine hart arbeitende und brillante Performerin, dabei ist sie supernett und immer bescheiden. Sie besitzt viel Humor, einen grandiosen Durchhaltewillen und ist ganz gewiss nicht mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen. Im Gegenteil.

Das Karaoke-Wettbewerbs-Mädchen

Ich gebe zu, dass ich anfangs skeptisch war, ob dieses RTL/Prosieben-Mädchen eines Tages eine von den ganz Großen werden kann. Es ging mir da gar nicht um ihre Beliebtheit beim Publikum, sondern einfach um ihre Skills. Würde sie die Metamorphose schaffen? Von einem exakt imitierenden Karaokewettbewerbs-Mädchen (The Voice Kids) hin zu einer glaubwürdigen Künstlerin, die ihr ganz eigenes stilistisches Verständnis einbringt, musikalische Zusammenhänge versteht und vor allem eine in dem Business so super überlebenswichtige Gesangstechnik beherrscht? 

Eins plus eins bleibt auch in Zukunft zwei

Heute kann ich sagen, dass es durchaus kein Zufall ist, wenn da zwei beeindruckend gut singende junge Frauen mit einem gut komponierten Song in den größten Musikwettbewerb der Welt einziehen. Mir ist auch völlig egal, ob am Ende „Germany zero points“ dasteht. Musik ist ja kein Affenzirkus, in dem gemessen wird, wer am besten durchs brennende Laufrad gesprungen ist. Dieser moderne Gladiatorenkampf bringt Laurita und Carlotta eigentlich vor allem eines: die berechtigte Aufmerksamkeit.

Das wirklich Sensationelle an Carlotta als Künstlerin ist ihr Versprechen, auch in Zukunft auf höchstem Niveau die aktuellen Songs der Zeit zu singen. Vielleicht werden mich in 50 Jahren bei der großen „Carlotta Truman Gala“ im ZDF die Laudatoren zitieren und sagen “er hat recht gehabt.” Vielleicht auch nicht, egal. Auf jeden Fall wird sie, solange sie lebt, unser Leben mit herausragender Musik bereichern.

Ich leite die Songwriting Klassen am Music College Hannover und habe selten eine so verständige, wache und fleißige Studentin wie Carlotta gehabt. Sie beherrscht nicht nur ihr Songwriting, sondern kann auch als Produzentin komplette Tracks stilsicher arrangieren, einspielen und natürlich erst recht einsingen. Damit muss ich einigen Vermutungen von Journalisten energisch widersprechen, sie sei ein dumpf-dämliches Pop-Retortenbaby von RTL und ProSieben. Diese S!ster kann sogar Noten lesen! Wer hätte das gedacht? Sogar einer der Endgegner in College-Gesangsprüfungen, nämlich das gefürchtete Vom-Blatt-singen waren für Carlotta Truman irgendwann kein Problem mehr.

Und hier muss ich zu meinem „eigentlich“ vom Anfang kommen. Heißen die größten Stars in Deutschland gerade wirklich Udo Lindenberg, Max Giesinger oder Mark Forster? Wenn wir einmal darauf schauen, wer in welcher Form zu einem Star aufgebaut wird, wird deutlich, was sich alles zum Negativen verändert hat. Die Leidtragenden sind nicht nur die Künstler, sondern vor allem das Publikum. Wirkliche Qualität soll sich heute also nur noch mit dem Einzug in das ESC Finale bemerkbar machen können? Das zeigt ziemlich klar, wie tief wir alle gesunken sind. 

Michael Jacksons Album „Thriller“ hat in der Produktion insgesamt 750.000 Dollar gekostet. Dafür wurde die Platte dann aber auch 150 Millionenmal verkauft. Alle tun aber so, als hätte sich die Musikindustrie „weiterentwickelt“ mit der „Liberalisierung im Netz“. Das ist alles Bullshit.

Wenn die einzigen Verdienstmöglichkeiten für Künstler und deren Agenturen darin bestehen, dass sie Werbeverträge bekommen oder Live-Konzerte spielen können, dürfen wir uns über die von Jan Böhmermann in seinem Fest-und-Flauschig-Podcast kürzlich beschriebene musikalische und künstlerische Mittelmäßigkeit auf allen Ebenen nicht beschweren. Spitzenförderung wird dann einfach ausfallen.